Frauennetzwerk Connecta

Bundesweites Frauennetzwerk mit Kasseler Ursprung

Monika Martin, Mitbegründerin des bundesweiten Frauennetzwerkes Connecta, im Interview mit Kasseler Tageszeitung

TZ=Tageszeitung, MM=Monika Martin

 

TZ: Frau Martin, Sie leben seit 16 Jahren in Kassel und Sie fühlen sich hier wohl. Was gefällt Ihnen in dieser Stadt besonders?

MM: Die landschaftlich hübsch gelegene und überschaubare Stadt mitten in Deutschland! Ich schätze die Lebensqualität durch kulturelle Angebote, vielseitige Kunstausstellungen und für jeden Bedarf und Geldbeutel die Ausgehmöglichkeiten. Außerdem liegt Kassel einfach zentral. Da ich viel unterwegs bin, nutze ich einerseits die gute Anbindung an das Autobahn-Netz, andererseits aber noch mehr den ICE-Anschluss.

TZ: Es gibt viele Frauennetzwerke in Deutschland; über 300 sind in den letzten Jahren entstanden, stand in einer Brigitte-Ausgabe. Was ist an Connecta e.V. das Besondere?

MM: Ein Netzwerk wie Connecta e.V. gibt es so nicht noch einmal. In den meisten anderen Netzwerken kommen Frauen gleicher Berufsgruppen oder Branchen zusammen. Das kann zu einer gewissen "Betriebsblindheit" oder Konkurrenz untereinander führen.

TZ Und das soll bei Connecta anders sein?

MM: Ja, das unterscheidet uns von anderen: Connecta e.V. gibt es bundesweit mit autonomen Regionalgruppen, arbeitet bildungs-, branchen- und berufsübergreifend und verbindet unterschiedliche berufliche Hierarchiestufen miteinander. Genau diese Vielfalt ist es, was mich so an unserem Verein begeistert: Hier treffe ich Frauen, die ich ohne Connecta e. V. niemals kennengelernt hätte. Ich bekomme Einblick in spezielle Tätigkeitsfelder, lerne neue Sichtweisen und Arbeitsmethoden kennen und kann das in meine eigene Berufstätigkeit nutzbringend einbringen.

TZ: Wie groß muss ein Netzwerk denn sein?

MM: Unser Netzwerk ist überschaubar, denn es lebt vom persönlichen Kontakt. Dadurch entsteht ein sehr gutes und vertrautes Verhältnis untereinander. Trotzdem sind wir kein Kaffeekränzchen. Wir arbeiten professionell und sind gut organisiert.

TZ: Was heißt das?

MM: Es bedeutet, daß wir aus der Erfahrung mit Vereinsarbeit permanent lernen, uns ständig weiterentwickeln und verbessern. Aktive Vereinsarbeit kann ein Sprungbrett nicht nur in die Öffentlichkeitsarbeit einer Firma, sondern auch in die Gesellschaftspolitik sein. Die Ziele des Vereins setzen wir Schritt für Schritt um. Und wir optimieren unsere Arbeit und die Vereinsprozesse laufend. Derzeit erstellen wir beispielsweise ein Organisations-Handbuch für unseren Verein.

TZ: Wie ist Connecta - das Frauennetzwerk organisiert?

MM: Es gibt sieben Vorstandsfrauen, die für jeweils 2 Jahre von der Mitgliederversammlung (in Kassel) gewählt werden. Bundesweit gibt es derzeit 10 Regionalgruppen, in denen regelmäßige Treffen durchgeführt werden. Diese befinden sich in Düsseldorf, Hannover, Heidelberg, Kassel, München, Nürnberg, Stuttgart, Wiesbaden, Berlin und Schwerte. Außerdem engagieren sich Vereinsfrauen außerhalb der Großstädte, eine Gruppe interessierter Frauen in ihrer Region zusammenzubringen.

TZ: Gibt es Spezial-Themen oder Aktuelles, über die Ihre Vereins-Frauen sprechen?

MM: Ja, wir arbeiten in Arbeitskreisen oder Projektgruppen zusammen: z. B. haben wir unseren Internet-Auftritt selbstständig erstellt oder die Kasseler Gruppe organisiert ein bundesweites Wochenend-Treffen zur Documenta - mit eigenem Herren-Programm für Partner und männliche Fördermitglieder. Oder wir erstellen eine Referentinnen-Pool-Datei. Eine Projektgruppe initiiert unsere 10-Jahres-Jubiläums-Veranstaltung 2003 in Berlin usw.

TZ: Welche Ziele verfolgt Connecta?

MM: Connecta setzt sich für partnerschaftliche Teilhabe an Führungsverantwortung in allen Bereichen ein. Wir engagieren uns für Gleichberechtigung- und -stellung im beruflichen und öffentlichen Leben. Wir fördern dies, indem wir Frauen berufsübergreifend Vernetzungs-Möglichkeiten bieten. Die Fähigkeiten, Kenntnisse und das sprichwörtliche Organisationstalent von Frauen - insbesondere bei Familienfrauen - sind für die Gesellschaft unverzichtbar und müssen immer wieder sichtbar gemacht werden.

TZ: Was bietet Connecta z.B. für Mitgliedsfrauen oder Interessentinnen?

MM: Da sind als herausragendes Ereignis zunächst unsere Jahres-Tagungen - immer am ersten November-Wochenende - zu nennen. Mit unseren Themen waren wir oft Trendsetter:
- Mit Lust an die Macht!
- Diskontinuierliche Berufsbiographien - Umwege verbessern die Ortskenntnisse!
- "Gleichberechtigung - Macht - Lust!"
- Einsetzen, Umsetzen, Durchsetzen - Frauen starten durch!
- Frauen schaffen Erfolg - in der Arbeit der Zukunft!
Daneben gibt es die jährliche Mitgliederversammlung in Kassel und regelmäßige Vorstandssitzungen, zu denen Mitgliedsfrauen jederzeit kommen können. In den Regionen gibt es Themenabende mit Vorträgen, Seminaren und Stammtisch-Treffen. Neugierige Frauen - auch in Umbruchssituationen - sind immer gern willkommen.

TZ: Wer kommt zu Connecta? Für welche Frauen bieten sich hier Vernetzungs-Chancen?

MM: Alle Frauen, die beruflich weiterkommen und sich vernetzen wollen, sind bei uns richtig; Vielfalt ist unser Credo. Schön ist es, wenn die Interessentinnen bereits frauenpolitisch interessiert sind.

TZ: Wie funktioniert das mit dem Vernetzen eigentlich praktisch? Können Sie uns da ein paar Beispiele nennen?

MM: Ja sicher! Wir tauschen Informationen über interessante Stellenausschreibungen per E-Mail aus. Wichtige erwünschte Kontakte werden eher auf der persönlichen Ebene ausgetauscht. Eine Frau suchte neulich gezielt an der Uni Kassel eine Doktormutter oder einen Doktorvater. Eine andere Netzwerkerin brauchte eine gute Weiterbildung in Richtung Teamtrainerin. Praktikantinnen-Plätze werden gesucht. Interne Tips für beruflichen Auslandsaufenthalt werden ausgetauscht. Die Frage nach einem individuell abgestimmten Plan zur optimalen Altersvorsorge taucht immer wieder auf, ebenso das Thema Konkurrenz unter Kollegen. Wir finden Lösungen bei Mobbing-Problemen.

TZ: Was geschieht zwischen den Treffen?

MM: Wer nicht weiß, an wen sie sich im Netzwerk wenden kann mit ihrem Anliegen, ruft häufig bei mir an. Ich kenne fast alle Frauen persönlich und informiere die Mitgliedsfrau, wer bei Connecta die richtige Ansprechpartnerin für diese Frage sein könnte. Ich persönlich nutze auch die vielen bundesweiten Übernachtungsmöglichkeiten, wenn ich unterwegs bin. Inzwischen gibt es auch die Möglichkeit, sich im Intranet in einem Chatroom zu treffen und auszutauschen. (Nur für Mitgliedsfrauen)

TZ: Das ist ja ziemlich viel. Kann man zusammenfassend sagen, daß sich eine Mitgliedschaft für Frauen lohnt?

MM: Auf jeden Fall! Das werden Ihnen auch die anderen Mitgliedsfrauen bestätigen können. Ich sage immer: Es "bringt" nichts, aber bei Connecta kann frau sich viel holen!

TZ: Wann entstand Connecta? Und wie sind Sie und Ihre Mitstreiterinnen auf die Idee gekommen, ein Frauennetzwerk zu gründen?

MM: Connecta wurde 1993 in Kassel gegründet. Wir waren etwa ein Dutzend Frauen und hatten ein großes Interesse daran, Verbindungen untereinander zu knüpfen, Erfahrungen weiterzugeben und uns zu vernetzen - kurz: zu klüngeln, wie es Netzwerkerin und Autorin Anni Hausladen nennt. Wir - alle mit verschiedenen Berufen - wollten uns für mehr Gleichberechtigung engagieren, Initiative ergreifen und gestalten. Uns schweißte eine gewisse Solidarität zusammen, und das ist im Frauennetzwerk auch heute spürbar.

TZ: Wie viele Frauen sind in der Regionalgruppe Kassel?

MM: Derzeit sind in Kassel und Umfeld rund 35 Frauen Connecta-Mitglied. Bundesweit gibt es über 150 Frauen.

TZ: Aus welchen Berufen oder Tätigkeitsfeldern kommen die Frauen, die bei Connecta zusammen finden?

MM: Ich kann unmöglich alle aufzählen... Nur wenige Berufe sind mehrfach vertreten. Unter den Mitgliedsfrauen haben wir z.b. freischaffende, selbstständige und angestellte, studierende, geschäftsführende und promovierte Frauen. Viele Berufe sind vertreten, u.a. Trainerin, Bankerin, Projektmanagerin im IT-Bereich, eine Event-Managerin, Sekretärin, Informatikerin, Handwerkerin, Architektin, Agrar-Ingenieurin, Gerontologin, Wirtschaftsingenieurin, Fachredakteurin, Technikredakteurin, Lehrerin, Bankkauffrau, Anwältin, Verlegerin, Grafikerin, Astrologin, Finanzberaterin, Künstlerin, Ärztin, Biologin, Geologin, Ausbildungsberaterin, Bibliothekarin, Küchenplanerin, Fotografin, Betriebswirtin, Bauleiterin. Die Frauen arbeiten überall in Deutschland, in Europa und in Übersee - in großen internationalen als auch in kleinen regionalen Firmen - in der Verwaltung, der Produktion und im Dienstleistungsbereich.

TZ: Das ist wirklich sehr vielfältig, eine bunt gemischte Berufspalette. Wie funktioniert bei so viel Unterschiedlichkeit eigentlich networking - also Netzwerken - genau?

MM: Im Netzwerk treffen sich Gleichgesinnte, die z.B. gleiche Ziele verfolgen, auch wenn sie in unterschiedlichen Berufen arbeiten. Sie sind in vergleichbaren Situationen, haben ähnliche Aufgabenstellungen und das zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Hier können die Frauen mit anderen, die vielleicht schon bestimmte Erfahrungen gemacht haben, über ihre Probleme reden und Lösungen entwickeln. Sie können sich gegenseitig helfen, Informationen, Kontakte oder - neudeutsch - Ressourcen austauschen. Das alles geschieht auf freiwilliger Basis; es ist ein ständiges Geben und Nehmen.

TZ: Welche Ziele verfolgt Connecta e.V.?

MM: Connecta-Frauen fördern sich gegenseitig in ihrer persönlichen und beruflichen Kompetenz - so steht es in unserer Präambel. Außerdem machen sie ihre Kompetenz öffentlich, durch Einmischen mit Fachwissen. z.B. in der Regionalgruppenarbeit. Wir engagieren uns für unsere Ziele, und zwar unabhängig von Parteien und Religionen. Wir legen Wert auf einen respektvollen Umgang untereinander und mit anderen. Und wir wollen bundesweit in allen großen Städten bzw. Regionen mit einer Regionalgruppe vertreten sein. Wir sind offen für Frauen in unterschiedlichen Lebenssituationen.

TZ: Wie finanziert sich der Verein?

MM: Wie fast alle Vereine: durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Da Connecta e.V. als gemeinnützig anerkannt ist, können wir bei Geld- und Sachspenden Spendenquittungen ausstellen. Firmen, die sich der Bedeutung von Frauen-Netzwerken bewusst sind, stellen uns Räume, Fachwissen oder Materialien zur Verfügung. Hotels werben für sich mit unseren Veranstaltungen und sponsern uns mit äußerst günstigen Übernachtungspreisen.

TZ: Wie wird die Vereinsarbeit bezahlt?

MM: Gar nicht! Der Verein muß für die vielen Arbeits-Leistungen der Mitgliedsfrauen nichts zahlen. Auf dieses Engagement sind wir alle sehr stolz. Auch die Vorstandsfrauen arbeiten ehrenamtlich. Die Tips untereinander, die internen Themenabende oder das gegenseitige Coaching sind kostenlos für Mitgliedsfrauen.

TZ: Was kostet denn eine Mitgliedschaft?

MM: Der Jahresbeitrag liegt bei 120 Euro, die Aufnahmegebühr beträgt 60 Euro. Außerdem brauchen die Frauen Zeit für die Netzwerkarbeit; das wird oft vergessen.

TZ: Warum ein Netzwerk nur für Frauen? Sind solche Netzwerke überhaupt nötig?

MM: Frauen denken, arbeiten und engagieren sich anders als Männer. Männer-Bünde haben andere Ziele als Frauen-Netzwerke. Frauen arbeiten weniger problemorientiert, sondern sind an umfassenden, ganzheitlichen Lösungen interessiert.

TZ: Ist Connecta politisch?

MM: Ja, denn: Ohne Aktivität von Seiten der Frauen und Solidarität untereinander vollzieht sich kein Wandel in der Gesellschaft oder in der Berufswelt. Denken Sie zum Beispiel daran, daß Frauen u.a. wegen der Erziehungsarbeit bei der Berufskarriere immer noch benachteiligt werden und in Führungspositionen absolut unterrepräsentiert sind. Haushalts- und Erziehungsarbeit - traditionell überwiegend von Frauen geleistet - erfährt trotz Politiker-Sonntagsreden wenig Wertschätzung und begründet vor allem keine eigenständige Alterssicherung.

TZ: Also sind nicht nur Top-Frauen bei Connecta?

MM: Wir wollen Frauen Mut machen, ihre Unabhängigkeit mit beruflichen Erfolg zielstrebig zu planen, ungewöhnliche Wege zu gehen und ein neues Berufsfeld selbst zu gestalten. Bei Connecta kann jede Frau viel dafür lernen, indem sie über ihre Fähigkeiten spricht, Kontakte knüpft und ihren Namen bekannt macht. Gerade "Trommeln" ist wichtig, wenn eine Frau beruflich und persönlich weiterkommen will. Und wir haben tolle Erfolgs-Geschichten über Wachsen und Weiterkommen unserer Mitgliedsfrauen zu erzählen!

TZ: Wie steht Connecta denn zu Männern?

MM: Der Verein ist Männern gegenüber offen. Wir freuen uns, wenn sie sich ebenfalls für unsere Ziele engagieren. Viele Männer sind Fördermitglieder und unterstützen so unsere Arbeit. Allerdings gewähren wir ihnen kein Stimmrecht in Vereinsangelegenheiten.

TZ: Wo gibt es weitere Informationen zu Ihrem Frauennetzwerk?

MM: Telefonisch sind wir unter 0561-15460, Fax 0561-7397451 und per E-mail unter connecta.das.frauennetzwerk@t-online.de zu erreichen. Viele Anfragen kommen inzwischen auch übers Internet; unsere Homepage ist zu finden unter www.frauennetzwerk-connecta.de

TZ: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Martin.

 

Stand dieser Information: 3/2003